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Automatisierung: Wunder der Technik oder sozialer Ruin?

Julian Widiger | 03/01/2019

Die Automatisierung vieler Arbeitsplätze in den entwickelten Industriestaaten sorgt immer wieder für hitzige Debatten. Ist sie nun eine Chance? Schafft sie etwa mehr neue Arbeitsplätze, als das sie zerstört? Oder treibt sie unsere Gesellschaft in den sozialen Ruin? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir einen genaueren Blick auf die Natur der Automatisierung werfen.

Routine vs. keine Routine

Computer und Maschinen sind gut in Routine. Verdammt gut sogar. Egal ob es sich dabei um analytische oder handwerkliche Aufgaben handelt, so lange die Arbeitsschritte immer wieder exakt dieselben sind, haben Computer und Maschinen kaum Probleme. Man denke beispielsweise an Kassierer im Supermarkt, die durch Self-Checkouts ersetzt werden oder an Bankangestellte, die noch vor einigen Jahren Geld für ihre Kunden abgehoben haben. Heute steht an fast jeder Strassenecke ein Geldautomat. Auch Arbeitsplätze in der Fliessbandfertigung sind mittlerweile selten geworden. All diese Jobs haben durch die Automatisierung in erster Linie stark verloren. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gestiegen und die Löhne sind gesunken.

Sobald die Routine aber wegfällt, kommt die Automatisierung ins Stottern. Egal ob analytische oder handwerkliche Aufgaben, wenn immer wieder andere Arbeitsschritte durchgeführt werden müssen, tun sich Computer und Maschinen schwer. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Automatisierung in diesen Bereichen komplett zum Stillstand kommt. Bei analytischen Aufgaben können Computer Arbeiter und Arbeiterinnen oft unterstützen. Da wäre beispielsweise die Ärztin, die dank moderner Gerätschaft immer wie bessere und schnellere Diagnosen stellen kann. Oder der Architekt, der Dank Computer-Software genau berechnen kann, wie er eine Brücke baut, damit sie möglichst viele Lasten tragen kann. Diese Jobs profitieren typischerweise von der Automatisierung, da sie Arbeiter und Arbeiterinnen effizienter und produktiver macht. Das wirkt sich nicht nur positiv auf Löhne sondern auch auf die Beschäftigung aus. Gleichzeitig gibt es aber durchaus einen Bereich in den die Maschinen bisher nicht wirklich vordringen konnten.

Ohne Routine sind Maschinen (noch) relativ verloren.

Handwerkliche Jobs ohne eine klare Routine sind nur sehr schwer zu automatisieren. Man nehme beispielsweise den Elektriker, der von Baustelle zu Baustelle oder von Haus zu Haus immer wieder andere Aufgaben in einem anderen Umfeld lösen muss. Auch Service-Jobs sind nur sehr schwer zu automatisieren. Für eine menschliche Putzkraft ist es relativ einfach ein Hotelzimmer zu putzen. Der Socken am Boden gehört aufgehoben und verräumt, die Pizzaschachtel hingegen geht in den Müll. Für einen Roboter wären alleine solch einfache Aufgaben der blanke Horror. Denn für Roboter ist es bisher noch sehr schwer Gegenstände richtig zu identifizieren. Ist das etwa eine Pizzaschachtel am Boden oder doch eine Schmuckschatulle. Da es nicht ganz unerheblich ist, welches von beiden in den Müll wandert und welches aufgehoben und sorgfältig verräumt werden soll, haben Roboter in handwerklichen und Dienstleistungs-Berufen mit wenig Routine noch nicht wirklich Fuss fassen können.

Die Berufe polarisieren sich

Berufe sind also der Automatisierung zu ganz unterschiedlichen Massen ausgeliefert. Es kommt hinzu, dass die Löhne je nach Automatisierungs-„Potential“ der Berufsgruppe einem klaren Muster folgen. Berufe mit viel Routine-Aufgaben sind typischerweise in einem mittleren Lohnsegment beheimatet: Dem Mittelstand. Ausgerechnet auf diese Berufsgruppen übt die Automatisierung den höchsten Druck aus. Arbeitsplätze schwinden und Löhne sinken in einst mittelständigen Jobs. Gleichzeitig profitieren die ohnehin schon gut bezahlten analytischen Berufe, wie Managerinnen, Ärzte oder Anwältinnen. Und was passiert mit den handwerklichen und Dienstleistungs-Berufen mit wenig Routine? Typischerweise sind diese Berufsgruppen am tiefsten entlöhnt. Durch die Automatisierung steigen nun aber die Löhne und die Beschäftigung. Wie das? Durch höhere Löhne in den analytischen nicht-Routine Jobs, wächst die Nachfrage nach Dienstleistungen, wie Hotelübernachtungen, Putzkräfte, Elektriker, Köche und so weiter. Gleichzeitig reduziert die Automatisierung Preise für Geräte, die einst sehr teuer waren, wie zum Beispiel Fernseher. Das gesparte Geld wird dann ebenfalls oft für Dienstleistungen gebraucht: Da der Fernseher jetzt günstiger ist, geht man lieber einmal mehr ins Restaurant oder ein Wochenende in den Kurzurlaub. All das wirkt sich positiv auf die Löhne und die Beschäftigung in der Handwerks- und Dienstleistungsbranche aus.

Kommt also doch alles gut?

Zwar steigen die Löhne und die Beschäftigung in den schlechtbezahltesten und in den bestbezahlten Jobs aber die Mittelschicht schwindet zunehmend. So wechseln beispielsweise Arbeiter aus ehemaligen mittelschichtigen Routine-Jobs in schlechter bezahlte Handwerks- und Dienstleistungsjobs. Diese Polarisierung des Arbeitsmarktes stellt unsere Gesellschaft vor komplexe Herausforderung. Die Mär vom umfassenden Wirtschaftswachstum, das ultimativ allen Arbeitern und Arbeiterinnen zu Gute kommt, ist eindeutig widerlegt. Die Automatisierung schafft zwar Gewinner aber sie schafft auch Verlierer. Leider hat uns die Geschichte nur zu oft gelehrt, in welch dunklen Abgrund eine Gesellschaft stürzen kann, die sich nicht um die Verlierer sozialer oder technischer Prozesse schert. Der Ball liegt nun besonders bei der Politik, die den Mut haben muss neue Wege zu beschreiten. Günstige Umschulungen und Weiterbildungsmöglichkeiten, aber auch eine Renovierung des Sozialstaates, beispielsweise durch eine Form von Grundeinkommen, könnten Instrumente sein, eine Gesellschaft erfolgreich auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorzubereiten.

Bild: Rock’n Roll Monkey auf Unsplash.com

Der Autor, Julian Widiger, geboren 1992, ist Masterstudent der Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Seit 2014 arbeitet Herr Widiger im Bereich Social Media Management. Aktuell ist er dabei für die Firma DLS in Zofingen und die Stiftung SimplyScience.ch in Zürich tätig. Herr Widiger ist Mitbegründer der Musikplattform Besides Sessions, die seit 2014 unbekannten Schweizer Künstlern über Youtube und weitere Social Media Kanäle einen Online-Auftritt bietet.

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