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Armut in der Schweiz – Wenn Wohlstand nicht für alle gilt

Julian Widiger | 11/02/2018

Armut ist leider auch in der Schweiz kein Fremdwort. Jede 13te Person muss hierzulande mit weniger als dem Existenzminimum auskommen. Diese Zahl ist erschreckend hoch für eine der reichsten Nationen der Erde. Es drängt sich also die Frage auf, wie sich Armut auch in der Schweiz bekämpfen lässt.

Wie steht es um die Armut in der Schweiz?

Rund 615’000 Personen waren 2016 in der Schweiz von Armut betroffen. Diese Menschen müssen sich also mit weniger als dem offiziellen Existenzminimum durchschlagen. Konkret heisst das, dass 7.5% der Schweizer Bevölkerung weniger als 2’247 CHF pro Monat zur Verfügung haben. Besonders stark betroffen sind Alleinerziehende, Nicht-Erwerbstätige und Personen, die alleine Leben. Ohne Sozialleistungen wären mindestens 25% dieser Personen von Armut betroffen. Selbst nach Sozialleistungen sind es immer noch mindestens 12%. Ansatzweise gute Nachrichten gibt es für die Dauer der Armut. Die meisten Menschen, die in der Schweiz von Armut betroffen sind, schaffen nach einem Jahr wieder den Sprung über das Existenzminimum. Die Dauer der Armut  offenbart aber auch: Jede 8te Person in der Schweiz ist während mindestens einem in vier Jahren von Armut betroffen. Das lässt erahnen, dass die Armut in der Schweiz wohl ein grösseres Problem ist, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

Armut in der Schweiz

Was ist die vielversprechendste Armutsbekämpfung?

All das klingt freilich sehr düster. Es scheint also klar zu sein: Armutsbekämpfung muss auch in der Schweiz gross geschrieben werden. Nur, wie lässt sich die Armut konkret reduzieren? Eine wenig überraschende Antwort lautet: Arbeit. Unter den Erwerbstätigen liegt die Armutsquote nämlich deutlich tiefer als im nationalen Durchschnitt bei „nur“ 3.9%. Können wir also die Arbeitslosigkeit verringern, kann auch mehr Menschen aus der Armut geholfen werden. Arbeitslosigkeit zu reduzieren kann durch Arbeitsmarktintegration geschehen. Das heisst, man hilft arbeitslosen Personen wieder eine Einstellung zu finden. Institutionen wie das RAV setzen an diesen Stellschrauben an. Arbeitslosigkeit fällt aber nicht einfach so aus heiterem Himmel. Wer also das Problem der Arbeitslosigkeit bei der Wurzel packen will, muss über die Gründe von Arbeitslosigkeit nachdenken.

Rund 14% der Erwerbslosen sind von Armut betroffen. Bei den Erwerbstätigen sind es „nur“ 3.9%.

Was sind die Gründe für Arbeitslosigkeit?

Die Gründe für Arbeitslosigkeit sind vielfältig. Alter, Nationalität, Gesundheitszustand und vieles mehr können sich auf die Arbeitslosigkeit auswirken. Ein Faktor dem jedoch eine besonders entscheidende Rolle zugesprochen wird, ist die Ausbildung. So sind Personen mit einem obligatorischen Schulabschluss als höchster Ausbildung deutlich öfter von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen als Personen mit einer Berufsausbildung oder einer Matura. Letztere wiederum sind öfter von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen als Personen mit einem Universitätsabschluss. Das soll aber kein Appell dafür sein, dass sich nun jeder 5 Jahre in einen Vorlesungssaal setzen soll. Jedoch gibt es einen Einblick in die entscheidende Rolle von Grundkompetenzen und Bildung. Gerade für Menschen mit niedriger Qualifikation ist der Arbeitsmarkt rauer geworden. Mitverantwortlich dafür ist eine steigende Technologisierung vieler Berufe. Dies fordert immer höhere Lern- und Anpassungsfähigkeit, da sich Technologien bekanntlich schnell weiterentwickeln. Man denke nur an die Smartphones in unseren Taschen oder die Computer auf unseren Schreibtischen. Gleichzeitig werden viele Jobs mit niedrigen Qualifikationen ins billigere Ausland verschoben. All das erhöht den Druck auf Personen mit geringer Ausbildung.

Der Bund engagiert sich

Mit Geldern für die Förderung von Grundkompetenzen und Weiterbildungen will der Bund der Arbeitslosigkeit und auch der Armut den Kampf ansagen. Dafür arbeitet er mit Berufsverbänden, Berufsausbildnern und Berufsausbildnerinnen und weiteren Organisationen aus der Arbeitswelt zusammen. Auch das Nationale Programm gegen Armut will der Bund bis 2024 verlängern. Dabei sollte eine möglichst nationale Armutsstrategie angepeilt werden, die das Existenzminimum der Bevölkerung sichert aber auch Bildungsmöglichkeiten für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen ermöglicht. Ebenfalls zentral sind Massnahmen zur Vereinbarung von Familie und Job – Alleinerziehende sind mit einer Armutsquote von fast 20%, die am stärksten von Armut betroffene Bevölkerungsgruppe. Schliesslich darf auch die soziale Teilhabe aller Bürger nicht in Vergessenheit geraten. Wer von der Gesellschaft isoliert wird, läuft nicht nur Gefahr sich schwerer in den Arbeitsmarkt zu re-integrieren, sondern riskiert auch seine psychische Gesundheit. Es darf nicht sein, das Menschen in so eine Sackgasse gedrängt werden.

Der Weg zu tieferer Armut wird ein langer sein. Umso wichtiger, dass wir die 615’000 Menschen nicht vergessen, die in unserer Schweiz tagtäglich mit dieser Armut konfrontiert sind.

Bild: Fabrizio Verrecchia auf Unsplash.com

Daten: Staatssekretariat für Wirtschaft SECO

Der Autor, Julian Widiger, geboren 1992, ist Masterstudent der Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Seit 2014 arbeitet Herr Widiger im Bereich Social Media Management. Aktuell ist er dabei für die Firma DLS in Zofingen und die Stiftung SimplyScience.ch in Zürich tätig. Herr Widiger ist Mitbegründer der Musikplattform Besides Sessions, die seit 2014 unbekannten Schweizer Künstlern über Youtube und weitere Social Media Kanäle einen Online-Auftritt bietet.

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